Joseph
Beuys

1921 - 1986

Mädchen (Hasenblut)

Die stilisierte Zeichnung des zarten, mit einem Höschen bekleideten Mädchentorsos ist mit ihrer Datierung 1957 ein Werk, das Joseph Beuys Jahre vor seinen ersten aktionistischen Auftritten geschaffen hat, das also von dieser Ära und ihren umfassenden gewaltigen Zusammenhängen losgelöst und per se betrachtet werden kann. Das Blatt birgt auch in einem so aufgefassten, autarken Dasein einen vielschichtigen Kosmos, ist Zeugnis intensiver Wahrnehmung und Reflexion.

Die Fokussierung auf den Torso, die Knappheit der Linien und der sparsame Farbauftrag des zentralen Höschens mit Hasenblut sind auf formale Rudimente reduziert, was unmittelbar auf eine Konzentration des Inhaltlichen auf Essenzielles hinausläuft. Das Hasenblut selbst und seine verschlungene organische Formgebung weisen direkt auf die Fruchtbarkeit als elementares weibliches Potenzial. Das gebräunte Blut ist mit einem Geknäuel von Bleistiftlinien hinterlegt, womit eine Verdichtung und Tiefe angedeutet wird, gleich einem hintergründigen vieldeutigen Kraftfeld. Zugleich offenbart es seine qualitative Ambivalenz. Denn die zarte Bleistiftlinie und die fein nuancierte Lasur des Hasenbluts vermitteln eine Sensibilität jenes Potenzials, das sich in einer fragilen Transparenz distanziert. Damit rückt es von einer Individualität in eine allgemeingültigere, fast mythische Sphäre, dessen archaische Ursprünglichkeit unergründlich scheint – und das Blatt mit der auffallend schönlinigen Zeichnung sich denn doch in die tiefsinnige Komplexität von Joseph Beuys’ Werk integrieren lässt.

Text von Margareta Sandhofer

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