Michaela Schwarz Weismann - Second Thoughts

14. Mai - 18. Juli 2019

1973: 3 gefilmte Interviews, 3 große Denkerinnen:
Hannah Arendt / Simone de Beauvoir / Angela Davis


2019
: 3 Porträtserien, 24 frames.

Jeweils eine Interview-Sekunde wird auf 24 frames aufgesplittet und gemalt. Es entstehen 24 Porträts, minimal verändert, ohne Wiederholungen. Jedes Bild beeinflusst das nächste. Zuletzt werden alle 24 Ölbilder wieder zu einem Film zusammengefügt, werden schnell, rauschen in einem Endlos-Loop. Ein neuer Rhythmus entsteht.

Michaela Schwarz-Weismann:

Die Sekunden sind Worte, einen Atemzug lang oder kürzer, die ich sorgfältig aus den Interviews gewählt habe. Es sind vage Worte, Andeutungen, Zwischenstücke: „très souple“ sagt Beauvoir, „constantly“ Davis, „of course not“  ist das Wort von Arendt. Nichts Genaues wird verraten, eher Aufforderung als Erklärung. Aufforderung sich wieder mit den Themen und den Inhalten dieser Denkerinnen auseinanderzusetzen. Der Mensch gefangen in einer endlosen Schleife eingespannt zwischen Vergangenheit und Zukunft.1973 ist auch das Jahr meiner Geburt. „SECOND THOUGHTS “ ist eine Arbeit über das Werden, als Sinnbild des Lebens und der Zeit in ihrer unerlässlichen Bewegung. Es ist eine narrative Vermessung der Zeit, ein Befestigen und Untersuchen dieses kurzen Moments zwischen Vergangenheit und Zukunft und die Frage nach der Konstruktion des Aktuellen.“

Gedanken und Emotionen spiegeln sich in Gesichtern. Michaela Schwarz-Weismanns intensive Porträtserien verdichten dies, indem sie mittels bewusst gewählter Sprachfragmente zusätzliche Interpretations- und Identifikationsebenen bieten. So erzählt sie auch vom Nachdenken über das Denken, vom Vermessen der Zeit, und lädt zum - wie sie selbst meint – „Untersuchen dieses kurzen Moments zwischen Vergangenheit und Zukunft“, der nötig ist, um das Aktuelle zu verstehen, weiterzuerzählen. (A. Grubeck)

Eröffnung: Dienstag, 14. Mai, 18:00 durch Harald Krejci
Die Künstlerin ist anwesend.

Die Ausstellung wird von Alexandra Grubeck kuratiert. (www.grubeck.at)

Mehr Informationen zur Künstlerin hier!

Second Thoughts - ein Text von Thomas Mießgang zur gleichnamigen Ausstellung:

Drei Menschen, drei Serien, drei Lebensausrisse in höchster Verdichtung. Für die Ausstellung „Second Thoughts“ hat sich die Malerin Michaela Schwarz-Weismann mit drei Frauen auseinandergesetzt, die den Diskurs, die Politik, die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse und die (pop)kulturellen Szenarien des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgestaltet haben: die Philosophinnen Simone de Beauvoir und Hannah Arendt sowie die ´Black Power`- Aktivistin Angela Davis.
Der ästhetische Annäherungsprozess der Künstlerin war ein sehr spezifischer: Sie wählte aus Filmdokumenten, bei denen die jeweilige Person im Zentrum steht und in Großaufnahme zu sehen ist, eine Sekunde aus, die sie wiederum in jene 24 Frames teilte, welche bei kontinuierlichem Ablauf das Bewegtbild konstituieren. Die mit Ölfarben auf Leinwand gemalten und dann aufkaschierten vignettenhaften Porträts ergeben so drei Serien, in denen unterschiedliche Frauentypen in ihrer jeweiligen Idiosynkrasie zu sehen und zu erleben sind. Es ist ein Vexierspiel, das die Dialektik von Ähnlichkeit und Differenz auskostet und zwischen der fordistischen Repetitionslogik mechanischer Aufzeichnungsmedien und dem variativen Reichtum individueller künstlerischer Appropriation vermittelt. Ähnliche Transformationsästhetiken gab es auch schon beim malerischen Hyper- oder Fotorealismus oder bei den ´unscharfen` Bildern von Gerhard Richter. Doch bei Michaela Schwarz-Weismann kommt noch ein Moment der ´Uncanniness` hinzu, das den Bildern eine ganz eigene, ganz eigenartige Signatur verleiht: Durch den freeze-frame einzelner Kader aus einem Laufbild-Szenario werden Gesichtsausdrücke, die sich in Millisekunden verändern, gewissermaßen für die Ewigkeit stabilisiert. Dadurch sind mimische Spezifika, ja, in der Mimik verankerte Charaktereigenschaften, die sonst unbemerkt flüchtig vorbeihuschen würden, plötzlich erkennbar und gestatten, nicht völlig unähnlich den ´Charakterköpfen` von Franz Xaver Messerschmidt, die Entbergung und psychologische Interpretation von Persönlichkeitsdispositionen, ohne die Figuren ihres Geheimnisses zu berauben.
„Ich empfinde das, was ich mache, manchmal als geradezu grenzüberschreitend,“
sagt Michaela Schwarz-Weismann. „Man kommt einem Menschen extrem nahe, wenn man so hineinzoomt und im Gesicht herumspaziert, immer und immer wieder.“ Zwei der prominenten Porträtierten würden ja nicht mehr leben: „Doch in Bezug auf Angela Davis hatte ich wirklich Hemmungen. Ich habe mich auch gar nicht getraut, ihr die Motive zu schicken.“ Da es sich bei den visuellen Dokumenten, die alle im Jahr 1973 – dem Geburtsjahr der Künstlerin – entstanden sind, um Tonfilme handelt, geht jede Serie auch mit einem sprachlichen Mikro-Ausriss aus einem größeren diskursiven Zusammenhang einher. Sie habe bei jeder Porträt-Sequenz lange nach einem Wort, einer Begrifflichkeit gesucht, das sich an den Lebenszusammenhang, die Philosophie und die vitale Energie der jeweiligen Person anschmiegen würde. Im Falle von Simone de Beauvoir war dies „trés souple“, eine semantische Prägung, die Flexibilität und Elastizität suggeriert und die Beauvoir benutzte, um ihre unorthodoxe Beziehung zu Jean-Paul Sartre zu charakterisieren. Angela Davis spricht in der Sekunde, die aus einem größeren intellektuellen Kontext gelöst wurde, das Wort „constantly“ aus, das, wie in einem Loop gefangen, darauf verweist, dass die Probleme, die 1973 und auch schon in den sechziger Jahren für sogenannte ´Rassenkrawalle` verantwortlich waren, auch heute noch ungelöst sind. Stichwort: Charlottesville. Hannah Arendt wiederum präsentiert sich mit „of course not“ als Geist der (stets?) verneint. Die Worte, die in der Malerei nicht zu hören sind, können aufgrund der Lippenbewegungen bestenfalls erraten/rekonstruiert/poetisch imaginiert werden. So rankt sich um die Porträts noch eine weitere Bedeutungsschicht, welche die Figuren nicht einengt, sondern, im Gegenteil, neue Begriffs- und Assoziationsfelder aufschließt. Es sei ihr im Dialog mit einem technischen Aufzeichnungsmedium nicht darum gegangen, Ähnlichkeiten/ Identitäten/Übereinstimmungen zu produzieren, erläutert die Künstlerin, sondern sich selbst, ihr Leben und ihr Tun, ihre Befindlichkeit und ihre Tagesverfassung in die Werke einzuschreiben. So erschafft sich ein ästhetisches Paradoxon: Drei Leben werden, wie durch ein Brennglas betrachtet, auf einen Moment der Kürze und der größten Intensität zusammengedrängt, während sich im Prozess der malerischen Aneignung dieser Nullpunkt des Seins zu einem existentiellen Paradigma ausfaltet. Die Künstlerin wird zum Medium, zum visuellen Filter, durch die Bilder hindurchfließen, um dann in der Simultaneität von Zeitverknappung und Zeitextension einen Kataklysmus der visuellen Exuberanz zu beschwören. In einem Gedicht von Rainer Maria Rilke heißt es:
„Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem?


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